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Vor 70 Jahren: Eine Wahl-Schwerinerin zog es zum Eisschnelllaufen


In Squaw Valley 1960 dann Olympia-Gold für Helga Haase

 

Der Countdown zu den XXIV. Olympischen Winterspielen 2022 in Peking läuft. Vom 4. Februar bis 20. Februar wird in der chinesischen Hauptstadt um 109 Goldmedaillen auf Schnee und Eis gewetteifert, wobei das politische Zepter im Vorfeld der Winterspiele kräftig geschwungen wurde. Sport war, ist und wird auch immer ein Politikum bleiben…

 

Corona, das Wetter und auch manche politische Querelen könnten die Winterspiele noch sehr stark negativ beeinflussen, aber so ist das mitunter, wenn sich ein Sportevent allmählich überlebt und es nicht baldige Änderungen zum Besseren gibt.

 

Olympia war ohnehin nie „gemütlich“. Ob in der Antike oder ab 1896 in der Moderne. „Irgendetwas“ gab es immer – Nationalismus, Krieg, Betrügereien, Boykott-Aktionen, Terror, Profitgier und viel Narzissmus.

 

Eine wintersportliche Olympiasiegerin aus Schwerin-Neumühle

 

Glücklicherweise gab und gibt es immer wieder Athletinnen und Athleten, die für eine gute Zukunft Olympias standen und stehen. Eine davon war die Eisschnelllauf Olympiasiegerin 1960 in Squaw Valley über die 500 Meter, Helga Obschernitzki, später verheiratete Haase (1934-1989), deren Familie es nach Kriegsende nach Schwerin-Neumühle verschlug. Und die 15 Jahre später für einen goldenen, olympischen Paukenschlag sorgte, obwohl ihr Trainer und „Herz-Ass“ Helmuth Haase kein Einreise-Visum in die USA erhalten sollte…

 

In den unmittelbaren Nachkriegsjahren versuchte sich Helga jedoch in der Leichtathletik und vor allem beim Handball. Die Wahl-Schwerinerin war bis 1952 aktive Handballerin bei der BSG Empor Schwerin, ehe sie dann, ab 1952, den Handball gegen die Schlittschuhe tauschte und beim SC Dynamo Berlin anheuerte.

 

1960 olympische Sensation durch Helga Haase

 

Dass sie bereits acht Jahre später Eisschnelllauf-Olympiasiegerin wurde, war dabei eine der großen Sensationen der Winterspiele 1960, als erstmals der Frauen-Eisschnelllaufsport offiziell im olympischen Programm stand, nachdem er 1932 in Lake Placid „nur“ olympisch demonstriert wurde.

 

Helga Haase schlug über die 500 Meter die als unbezwingbar eingeschätzten Läuferinnen aus der damaligen Sowjetunion und kam zudem über die 1000 Meter zu Silber (plus Rang acht über die 1500 Meter). Bei den Winterspielen 1964 in Innsbruck, die ganz im Zeichen der sowjetischen Eisschnellläuferin Lidija Skoblikowa standen, belegte die ehrgeizige Athletin noch einmal vordere Plätze, so Rang vier über die 1000 Meter und Rang fünf über die 1500 Meter.

 

Ein interessantes Buch zu ihrem Werdegang erschien bereits 1962/63: Titel „Der doppelte Sieg“ von Günther Fuchs.

 

Auch eine Wismarerin holte Olympia-Gold

 

Eine gebürtige Wismarerin, die ebenfalls das sportliche Olympia-Eis eroberte, machte es - „aus MV-Sicht“ - Helga Haase nach. Bei den Olympischen Winterspielen 1992 in Albertville triumphierte Jacqueline Börner, spätere verheiratete Schubert. Mit einem Vorsprung von fünf Hundertstel Sekunden verwies Jacqueline Börner (2:05,87 Minuten) seinerzeit die große Favoritin Gunda Niemann (2:05,92 Minuten) über die 1500 Meter auf Platz zwei.

 

Jacqueline Börner hatte übrigens zwei Jahre zuvor, bei den Mehrkampf-WM 1990 in Calgary, den WM-Titel vor Seko Hashimoto und Constanze Moser-Scandolo errungen und mußte extrem mit den schlimmen Folgen eines Unfalls – Jacqueline wurde im Sommer 1990 von einem PKW angefahren – kämpfen. Aber sie biss sich durch, gab sich nie auf und schaffte nach harter Reha und Training wieder den Anschluß an die absolute Weltklasse, bis hin zum Olympiasieg.

 

Der bedeutet ihr natürlich unendlich viel: … „Olympia ist für jede Sportlerin und jeden Sportler so großartig. Es gibt sportlich nichts Besseres. Der Olympiasieg war die Erfüllung eines Lebenstraumes, ein großes Glück, eine Selbstbestätigung und ein erfolgreicher Augenblick, den man nicht vergisst.

 

An die ersten drei Tage danach erinnere ich mich gar nicht mehr so genau. Nicht etwa, weil ich zu viel `Champus` getrunken hätte – ich lebte wie in Trance. Es war Freude und Glücksgefühl zugleich! Auch wenn ich ansonsten nicht `bibelfest`bin: Der liebe Gott hat es mehr als gut mit mir gemeint: Er hätte mir in Albertville`92 auch Bronze `schenken` können – und ich wäre sehr, sehr glücklich gewesen … Jedoch Gold – das war der `Hammer`!“

 

Ja, mitunter gewinnen im Hochleistungssport wirklich die Richtigen!

 

M-V mit umfangreicher Tradition im Eisschnelllaufen

 

Auch ansonsten hat M-V, hat Rostock großartige Eisschnellläuferinnen und Eisschnellläufer vorzuweisen. Es gibt weitere Beispiele… Horst Freese, der gebürtige Rostocker Eisschnellläufer und für die Bundesrepublik startend, war Olympionike 1976 in Innsbruck. Dort startete auch Karin Kessow, die Weltmeisterin von 1975 (Mehrkampf), die im damaligen vorolympischen Jahr in Assen Tatjana Awerina (UdSSR) und Sheila Young (USA) auf die anderen Podestplätze verwies. Heike Lange, 1975 Vize-Weltmeisterin im Eisschnelllauf (Sprint) in Göteborg hinter Sheila Young (USA) und vor Cathy Priestner (Kanada), war außerdem – wie Karin Kessow oder Horst Freese – als gebürtige Rostockerin auf den olympischen Strecken 1976 unterwegs.

 

Medaillen gab es für das Rostocker Trio in Innsbruck`76 leider nicht, insbesondere Karin Kessow „schrammte“ haarscharf an den Olympia-Medaillen „vorbei: Sie wurde Vierte über die 3000 Meter und Fünfte über die 1500 Meter.

 

Von Karin Kessow zu Heike Lange

 

Karin Kessow, verheiratete Drbal, blickt noch heute gern auf ihre Zeit in Rostock zurück bzw. ist noch immer in Kontakt mit Rostock … „Mit der ehemaligen Trainerin für Short Track beim ESV Turbine Rostock Karin Schmidt war ich ja in einer Trainingsgruppe. Ihre Mutter Gerda Hoffmann war unsere Trainerin. Nicht zuletzt dank ihrer Betreuung konnte ich 1970 Spartakiade-Siegerin werden. Die Grundlagen für meine spätere international erfolgreiche Laufbahn wurden in Rostock gelegt. Glücklicherweise hatten Karin und ich zwei Jahre Altersunterschied, so wurden wir nie direkte Konkurrentinnen und blieben Freundinnen…“

 

Und wie kam Heike Lange, heute verheiratete Dr. Heike Kahl, als Rostocker Hanseatin auf das Eis-Oval?! Dazu die erfolgreiche Sportlerin: „Ich habe schon in Rostock mit dem Eisschnelllaufen begonnen, auf der Kurzbahn. Rostock hatte ein Eiskunstlauf- und Hockey-Stadion. Dieses war natürlich nicht überdacht, aber doch geeignet für das Training und für Freizeitmöglichkeiten. Dieser Aspekt war nicht unwesentlich. Ich lebte mit Karin Kessow in einem Haus und sie war es, die mich einfach mitnahm. Wir sind dann auch zusammen nach Berlin auf die Sportschule gegangen.“

 

Ja, MV hatte schon einige Eisschnelllauf-Asse in den eigenen Reihen. Die mecklenburgisch-vorpommerschen „Flachland-Tiroler“ haben eben auch Herz und Sinn für den Wintersport!

 

Eisschnelllauf aktuell – keine goldenen Zeiten für Deutschland

 

Dafür sieht es im gegenwärtigen deutschen Eisschnelllauf-Sport eher mau aus. Die goldenen Zeiten einer Monika Holzner, eines Erhard Keller, einer Karin Enke, einer Christa Rothenburger, einer Andrea Schöne, eines Andre Hoffmann, eines Jens-Uwe Mey, einer Anni Friesinger oder einer Claudia Pechstein sind vorbei… Allerdings: Claudia Pechstein, fünfmalige Olympiasiegerin, visiert in Peking 2022 ihre achten (!) Olympischen Winterspiele an. Ein „goldener Wert“ an sich!

 

Im bisherigen Weltcup-Winter 2021/22 im November/Dezember 2021 (Weltcup-Finale ist Mitte März 2022 in Heerenveen!) dominierten in den Weltcup-Stationen Tomaszow Mazowiecki, Stavanger, Salt Lake City und Calgary in den ausgetragenen 54 Entscheidungen (jeweils bis dato 27 Wettkämpfe für die Frauen und Herren) die Starterinnen und Starter aus den USA bzw. Japan (jeweils 11 Erfolge), den Niederlanden (9 Erfolge), Kanada (6 Erfolge), Schweden bzw. China (jeweils 4 Erfolge), Russland (3 Erfolge), Italien bzw. Polen (je 2 Erfolge) und Belgien bzw. Korea (je ein Erfolg). Für Schwarz-Rot-Gold gab es nur einen Podestplatz im Weltcup 2021/22 durch den Darmstädter Felix Rijhnen im Massenstart Mitte Dezember 2021 in Calgary.

 

Bei den Winterspielen 2022 in Peking werden die olympischen Eisschnelllauf-Entscheidungen – 14 an der Zahl – zwischen dem 5.Februar und 19.Februar durchgeführt. Mal schauen, ob es aus deutscher Sicht die eine oder andere positive Überraschungen geben wird.

 

Infos zum Eisschnelllaufen – auch aus M-V-Sicht …

 

– Vor 84 Jahren, bei den ersten Olympischen Winterspielen 1924 in Chamonix, gewann der US-Amerikaner Charles Jewtraw das erste Olympia-Gold für Eisschnellläufer (Eiskunstläufer durften seit 1908 und Eishockeyspieler seit 1920 im Programm der Sommerspiele um Medaillen mitkämpfen …).

 

– Vor 48 Jahren wurde die frühere Wahl-Schwerinerin und spätere Trainerin von Karin Kessow, Helga Haase, 500 Meter-Olympiasiegerin`60 in Squaw Valley.

 

– Vor 64 Jahren wurde der spätere Rostocker Eisschnellläufer Horst Freese geboren. Er war sieben Mal DDR-Champion und 1976 auch Olympia-Teilnehmer für die Bundesrepublik.

 

– Vor 33 Jahren gewann die gebürtige Rostockerin Karin Kessow den WM Titel (1975) in Assenund vor 20 Jahren, 1988 in Calgary, wurde der gebürtige Barther Roland Freier jeweils Olympia-Achter über die 5000 Meter und 10000 Meter.

 

– Vor 16 Jahren, bei Winter-Olympia 1992 in Albertville, schaffte die gebürtige Wismaranerin Jacqueline Börner Gold über 1500 Meter !

 

– Seit 1992 konnte die Berlinerin Claudia Pechstein u.a. 5 x Olympia-Gold gewinnen. Sie ist damit die erfolgreichste deutsche Winter-Olympionikin „aller Zeiten“.

 

– Last but not least: Zwischen 1998 und 2010 waren die Rostocker Kurzbahn-Eisschnellläufer um Arian Nachbar, Aika Klein & Co. ständige Olympia-Teilnehmer !

 

Marko Michels

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