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Olympischer Wintersport in politisch-pandemisch anstrengenden Zeiten - Zwischen Historie und Gegenwart


Im Februar 2022 werden 17 olympische Wintertage in Peking zelebriert, das schon 2008 Austragungsort der sommerlichen Spiele war. Nach Sapporo 1972, Nagano 1998 und Pyeongchang 2018 gibt es somit zum vierten Mal Olympische Winterspiele in Asien. Wahrscheinlich werden es organisatorisch perfekte, aber auch sehr sterile, seelenlose Spiele werden. Corona, die „große Politik“, viele globale Konflikte, die auch während der Spiele in der chinesischen Hauptstadt andauern werden – irgendwie fällt es dem gemeinen Sportfan schwer, sich auf Olympia einzulassen.

 

Die Spiele waren leider nie die „mächtige Stütze des Friedens“, wie sie der Begründer der Olympischen Spiele der Neuzeit, Baron Pierre de Coubertin, eigentlich wollte. Ständig gerieten sie in den Sog von politischen und wirtschaftlichen Interessen.

 

Das war vor mehr als 85 Jahren nicht anders. Im Gegenteil.

 

Garmisch-Partenkirchen 1936 – die winterlichen Propaganda-Spiele

 

Es sollte die Ouvertüre zu den Sommerspielen 1936 werden und wurde letztendlich eine gelungene (politische) Propaganda-Veranstaltung mit sportlichem Zusatz-Programm. Es sollte die Sportlerinnen bzw. Sportler im Mittelpunkt stehen und am Ende setzten politische und funktionärstechnische Protagonisten die entscheidenden Akzente. Es sollte weiterhin ein faires Miteinander werden und entpuppte sich – im Nachgang – als sportliches Schmierentheater.

 

Die vierten Olympischen Winterspiele, die vor 81 Jahren in Garmisch-Partenkirchen stattfanden, bleiben unvergesslich. Weniger aufgrund der sportlichen Leistungen, großartige gab es auch dort, aber vor allem als Lehrbeispiel dafür, was passiert, wenn Politik, Wirtschaft und „Berufsfunktionärstum“ sich der Spiele bemächtigen.

 

1936 – Wie war das noch?!

 

Ein „Führer“ erfuhr vom emotionalisierten Publikum eine begeisterte Huldigung. Der größte Sportverband der Welt, das IOC, ließ sich, naiv oder bewußt – beides ist gleich schlimm, vor einen „PR-Karren“ spannen.

 

Die Wirtschaft erlangte lukrative Bau-Aufträge. Menschen mußten Baustätten weichen. Die eigenständigen Märkte Garmisch und Partenkirchen wurden auf Druck und unter Zwang der Staatspartei NSDAP zusammengelegt, um eine entsprechende Ortsgröße für einen olympischen Austragungsort zu schaffen.

 

„Minderheiten“, Andersdenkende und Unerwünschte, so weit nicht schon vorher aus dem öffentlichen Leben gedrängt, wurden während der Spiele lediglich geduldet. Sportlerinnen und Sportler ließen Distanz zu Politik und Wirtschaft vermissen. Ein Team (die Schweiz) mußte das Quartier gar räumen, weil eine Geheimpolizei (Gestapo) dieses für sich beanspruchte. Und ein gewisser Herzog Adolf Friedrich zu Mecklenburg war seinerzeit Mitglied des IOC und des Organisationskomitees von GAP – also „Mecklenburg“ war am dortigen Geschehen intensiv beteiligt…

 

Es gab auch guten Sport…

 

Ja, es gab dennoch ausgezeichnete Leistungen im Sport, präsentiert in hervorragenden Sportstätten und bei viel Publikumszuspruch. Der Norweger Birger Ruud gewann das Spezialspringen. In der alpinen Kombination gewannen Christl Cranz bei den Frauen und Franz Pfnür bei den Herren. Dreimal Gold, einmal Silber holte der Norweger Ivan Ballangrud im Eisschnelllaufen.

 

Den einzigen Erfolg für ein nichteuropäisches Land erlangte der USA-Zweier-Bob mit Ivan Brown bzw. Alan Washbond. Im Eishockey wurde sensationell Großbritannien, freilich mit einigen eingebürgerten Kanadiern, Olympiasieger vor den „richtigen“ Kanadiern. Im Eiskunstlaufen erkämpfte die Norwegerin Sonja Henie ihren dritten Olympiasieg. Maxi Herber bzw. Ernst Baier setzten sich im Paarlaufen durch.

 

Aber um welchen Preis wurden diese Erfolge erzielt?! Um den Preis, dass Olympia endgültig seine Unschuld, seine Aura verlor. Die folgenden Sommerspiele in Berlin 1936 setzten der politischen Propaganda-Show unter den fünf olympischen Ringen noch eine „unsägliche Krone“ dazu auf. Dass dort auch Olympiasiege für Mecklenburg zu verzeichnen waren – durch den Military-Reitsportler Ludwig Stubbendorff auf „Nurmi“ in der Einzel- sowie Mannschaftswertung bzw. durch Gerhard Stöck, den Greifswalder Studenten, im Speerwurf – sind nur eine Rand-Notizen zu außerordentlich großen sportlichen Leistungen.

 

Wurden aus 1936 Lehren gezogen?

 

Hat man, haben die Politik, die Wirtschaft und die Sportverbände aus den Spielen von 1936 gelernt?! Nein, das haben sie entgegen aller Beteuerungen nicht. Es gab einige Boykottspiele, so 1976 in Montreal, 1980 in Moskau oder 1984 in Los Angeles. Olympia stand im Zeichen des Terrors, so 1972 in München oder 1996 in Atlanta. Es gab ungehemmte politische Einflußnahmen, insbesondere 2004 in Athen, 2008 in Peking oder 2016 in Rio. Es wurden wintersportliche Retorten-Städte erschaffen, so 1960 in Squaw Valley, 1992 in Albertville, 2014 in Sotschi oder 2018 in Pyeongchang.

 

Die Spiele wurden immer kostspieliger, gigantischer, profitorientierter und abgehobener. Politiker, Getränkehersteller, TV-Stationen und „Hauptsponsoren“ diktieren de facto schon, welche Sportarten ins Programm gehören, welche Sportarten gestrichen werden könnten und die Wettkampfzeiten – damit „passende Werbe-Blöcke“ entsprechend platziert werden. Der olympische Sport dient nur als „Petersilie“, schmückendes Beiwerk, zur Dauer-Werbesendung von Sportgeräte-Herstellern, Getränke-Fabrikanten und Fast Food-Junkies.

 

Wie war das mit der olympischen Grund-Idee?!

 

„Lassen Sie uns Ruderer, Läufer, Fechter ins Ausland schicken. Das ist das Freihandelssystem der Zukunft! Und an dem Tag, an dem es in die Sitten des alten Europa eingedrungen sein wird, wird der Sache des Friedens eine neue und mächtige Stütze erwachsen sein!“, meinte einst der Begründer der Olympischen Spiele der Neuzeit, Baron Pierre de Coubertin.

Wie ist es jetzt, heute, aktuell um den Frieden bestellt?! Zurzeit toben mehr als 40 Kriege bzw. kriegerische Auseinandersetzungen. Der Terror beeinflußt den Alltag auf allen Kontinenten. 60 Millionen Menschen sind auf der Flucht – so viele, wie seit Ende des zweiten Weltkrieges nicht mehr. Noch immer verhungern jährlich Millionen, darunter viele Kinder. 62 der vermeintlich materiell Reichsten gehört so viel, wie dem gesamten ärmeren Teil der Menschheit, also dreieinhalb Milliarden Menschen. Gelangt man zu diesem „Reichtum“ im Schweiße seines Angesichts?!

 

Olympia – immer weiter...

 

Kann, darf man dann – bei dieser geduldeten Selbstzerstörung – noch Olympia feiern? … Ja, wenn man zu den Wurzeln des olympischen Idealismus zurückkehrt, wie Lillehammer 1994 oder Barcelona 1992 bewiesen. Wird Olympia aber weiterhin so zelebriert, wie 1996 in Atlanta, 2006 in Turin, 2008 in Peking, 2014 in Sotschi oder 2016 in Rio, sollte man schleunigst das Ruder herum reißen – und nicht nur das.

 

Olympische Spiele haben sich eigentlich nicht überholt, wenn sie zu ihren Grundwurzeln zurückkehren. Gerade junge Sportasse brauchen „die Großen“, brauchen Vorbilder, denen sie nacheifern können. Der olympischer Sport „weckt“ Emotionen, lässt mitfiebern, „lädt“ zum Nacheifern „ein“.

 

Wer nun Peking als Austragungsort kritisiert, sollte sich hierzulande an die eigene deutsche Nase fassen. Ob zuletzt die Olympia-Bewerbungen von Berlin, München oder Hamburg – alles scheiterte am Widerstand „der Mehrheit“, die einerseits Olympia schauen mag, Erfolge der eigenen Athleten beklatschen möchte, aber Olympia selbst nicht austragen will! Zudem: Deutschland versagte in den letzten Jahrzehnten oftmals, wenn es darum ging, Großprojekte zu realisieren, wobei der Berliner Flughafen nur die Spitze des Eisbergs darstellt. Viel zu viele (unsportliche) Köche reden hierzulande mit, ohne Kompetenz, ohne Kenntnisse der Materie. Entsprechend ist die Qualität der Gerichte…

 

Allerdings: Olympische Spiele wurden und werden in ihrer Bedeutung – leider – notorisch überhöht. Der Autor Edgar Fuchs brachte es in seinem Beitrag „80 Jahre Olympische Spiele“, erschienen im Buch von Harry Valerien „Olympia`76 – Innsbruck/Montreal“ des Südwest-Verlages München 1976, auf den Punkt. Warum die Spiele zumindest noch immer bedeutsam sind… Hierzu Edgar Fuchs: „ … Auch wenn sie (die Spiele – Anm.d.Red.) nie das geworden sind, was Pierre de Coubertin sich von ihnen erhoffte: `Eine mächtige Stütze des Friedens`. Und auch das ihnen in schönen Reden immer wieder zudiktierte Völkerverbindende hat sich auf einen ganz kleinen Nenner reduziert: Verbunden fühlen sich Milliarden nur, weil ihr Interesse sich alle vier Jahre zwei Wochen lang auf einen Ort und ein Ereignis konzentriert. Doch das ist Grund genug, an den Spielen festzuhalten. Denn, sie sind das einzige Fest, zu dem die ganze Welt geladen ist.“ … Und sei eine Teilhabe auch nur via Radio, TV oder Internet möglich.

 

Na dann, auf ins „winterliche“ Peking – ohne politisches Brimborium, ohne leuchtende Reklame und vor allem – ohne Corona-Viren!

 

Marko Michels

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