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Olympische Ringe: Zwischen Moskau 1980 und Peking 2022


Olympische Zeitreise ins Jahr 1980 auch aus Schweriner Sicht

 

Vor mehr als 40 Jahren waren die Olympischen Sommerspiele 1980 in Moskau das sportliche Haupt-Thema allerorten… Peking 2022 und damit die XXIV.Olympischen Winterspiele rufen. Ein Event, das aufgrund der globalen Corona-Krise, von knapp 40 militärischen Konflikten in aller Welt und der weiteren Kommerzialisierung bzw. Politisierung der Spiele unter keinem guten Stern steht... Einige Länder beabsichtigen einen offiziellen diplomatischen Boykott, andere eher einen inoffiziellen. Glücklicherweise gibt es nicht wie noch vor rund fünf bzw. vier Jahrzehnten sogar sportliche Boykott-Maßnahmen.

 

Die Olympischen Spiele 1980 in Moskau – „eine sportive Zeitreise“

 

Die Spiele 1980 in Moskau waren ebenfalls "Boykottspiele", die aber dennoch - trotz der Doping-Hoch-Zeit in Ost wie West - sportlich und organisatorisch betrachtet, einige Highlights präsentierten. Nicht zuletzt aus MV-Sicht!

 

In der Rostocker Traditionssportart, dem Wasserspringen, ging es damals sehr spannend zu, wobei sich die damalige UdSSR (2 x Gold, 2 x Silber, 2 x Bronze) und die damalige DDR (2 x Gold, 1 x Silber, 1 x Bronze) nicht nur dort einen spannenden sportiven Zweikampf lieferten. Nur zwei Medaillen – 1 x Silber an Mexiko und 1 x Bronze an Italien – gingen an andere Länder.

Im Kunstspringen der Damen siegte die Irina Kalinina (UdSSR/Russische SFSR) vor Marina Proeber (SC Empor Rostock) und Karin Guthke (Berliner TSC). Martina Jäschke (SC Chemie Halle) setzte sich bei den Turmspringerinnen vor Sirvard Emirzyan (UdSSR/Armenische SSR), Liana Tsotadze (UdSSR/Georgische SSR) und Ramona Wenzel (SC Empor Rostock) durch.

 

Ramona Wenzel mit Silber

 

Die gebürtige Stralsunderin Ramona Wenzel ist dabei übrigens eine von insgesamt 13 Olympia-Teilnehmerinnen bzw. -Teilnehmer, die ihre „Wiege“ am Sund hatten. Sechs davon wurden in den 1960ern geboren, so die Gewichtheber Andreas Behm (1992, 1996 bei Sommer-Olympia), Udo Guse (1992 bei Sommer-Olympia), der Bobfahrer Carsten Embach (1994, 2002 bei Winter-Olympia), die Handball-Spielerin Silke Fittinger (1992 bei Sommer-Olympia), die Leichtathletin Silke Möller (1988 bei Sommer-Olympia) und eben Ramona Wenzel, die Wasserspringerin und Olympia-Vierte 1980 vom Drei-Meter-Brett.

 

Bei den Herren wurde im Kunstspringen der gebürtige Aserbaidschaner Alexander Portnow, der für die UdSSR und seine Heimat-Vereine Dynamo bzw. Spartak Minsk (Weissrussland) startete, die Nummer eins vor Carlos Giron (Mexiko), Franco Giorgio Cagnotto (Italien) und Falk Hoffmann (SC Chemie Halle). Dieter Waskow (SC Empor Rostock) wurde hier Zehnter.

 

Gold für Falk Hoffmann

 

Und für großen Jubel im Wassersprung-Team der DDR sorgte dann auch Falk Hoffmann (Halle/Saale) im Turmspringen, der vor Vladimir Aleynik (UdSSR/Weissrussische SSR), David Ambartsumyan (UdSSR/Armenische SSR), Carlos Giron (Mexiko) und den beiden Rostockern Dieter Waskow und Thomas Knuths triumphierte. Bis 2016 war Falk Hoffmann, Jahrgang 1952, Nachwuchs-Trainer beim WSC Rostock.

 

In der Länderwertung der olympischen Wassersprung-Wettbewerbe (Plätze 1-8) 1980 belegte die UdSSR mit 41,25 Punkten Rang eins vor der DDR mit 34 Punkten, Mexiko mit 9 Punkten, Italien mit 4 Punkten, Australien mit 1,75 Punkten, Großbritannien mit 1 Punkt sowie Österreich, Spanien, Kuba und Ungarn mit 0,25 Punkten.

 

USA-Springerinnen und -Springer leider nicht dabei

 

Leider fehlten bei den Spielen 1980 insbesondere die starken Springerinnen und Springer aus den USA, Kanada und China. Bei den WM 1978 im Westteil Berlins, also zwei Jahre vor den Spielen in Moskau, waren noch die USA die erfolgreichste Wassersprung-Nation mit 2 x Gold, 1 x Silber, 2 x Bronze. Philipp Boggs gewann das Kunstspringen und Greg Louganis das Turmspringen – jeweils vor Falf Hoffmann. Für Cynthia Potter sowie Jennifer Chandler gab es im Kunstspringen hinter Irina Kalinina (UdSSR) Silber bzw. Bronze. Im Turnspringen war in Berlin 1978 ebenfalls im Turmspringen vor Martina Jäschke (DDR) und Melissa Briley (USA) vorn.

Aber letztendlich schmälert der Boykott des Westblocks 1980 nicht die Leistungen der teilnehmenden Athletinnen und Athleten in Moskau – im Wasserspringen und anderswo. Ebenso wenig wie der Boykott des Ostblocks 1984 die Leistungen der startenden Sportlerinnen und Sportler in Los Angeles relativierte oder der Afrika-Boykott 1976 in Montreal die Leistungen der Sieger auf den Laufstrecken oder im Box-Ring.

 

Exkurs: Die Olympischen Spielen 1980 in Moskau – ein Resümee und ein Abriss aus M-V-Sicht

 

Die XXII.Olympischen Spiele 1980 (19.7.1980-3.8.1980) wurden vom Boykott vieler westlicher Länder dennoch überschattet. Nachdem die Sowjetunion im Dezember 1979 Afghanistan besetzte, beschloss US-Präsident Jimmy Carter einen Boykott der Spiele, dem sich einige Alliierte und Verbündete, darunter Japan, die Bundesrepublik, Kanada, Kenia, aber auch die Volksrepublik China, anschlossen.

 

Leider auch Boykott-Spiele…

 

Damit setzte sich die Reihe unsinniger politisch motivierter Boykott-Maßnahmen gegen Olympia fort: Bereits 1976 gab es einen Boykott afrikanischer Staaten; 1984 nahmen einige Ostblock-Staaten, darunter die UdSSR, die DDR oder Kuba, nicht an den Spielen in Los Angeles teil.

 

Dennoch: Die Olympischen Spiele in Moskau vom 19.Juli bis 3.August sorgten für hochklassigen Sport und unvergessene Momente auch aus M-V- Sicht.

 

Mehr als 5200 Athletinnen und Athleten aus 81 Ländern nahmen in Moskau teil. Auf dem Programm standen 203 Wettbewerbe in 23 Sportarten. 5,5 Millionen Zuschauer verfolgten die Wettbewerbe, die Segel-Regatten fanden vor Tallinn statt, live. Rund 2 Millionen besuchten die Fußballspiele in Moskau, Minsk, Leningrad und Kiew.

 

Am Ende lag das Team der UdSSR mit 80 x Gold klar vor der DDR mit 47 x Gold, Bulgarien, Kuba sowie Italien mit je 8 x Gold, Ungarn mit 7 x Gold, Rumänien bzw. Frankreich mit je 6 x Gold, Großbritannien mit 5 x Gold und Polen mit 3 x Gold. Insgesamt kamen 36 Länder zu Medaillen-Ehren.

 

Berücksichtigt man übrigens ausschließlich die Einzel-Wettkämpfe und die Herkunft der verschiedenen Starterinnen und Starter aus den einzelnen Sowjetrepubliken, so war die Russische Föderative Sowjetrepublik genau so erfolgreich wie die DDR. Die anderen Olympiasiege der UdSSR verteilen sich u.a. auf die damaligen Sowjetrepubliken Ukraine, Weißrussland, Georgien, Kasachstan, Kirgisien oder die baltischen Republiken.

 

Erfolge auch für Sportler aus Rostock, Schwerin, Wismar, Greifswald und Neubrandenburg

 

Im Schwimmen konnte Andrea Pollack Gold über 4 x 100 Meter-Lagen und Silber über 100 Meter-Butterfly erobern. Im Boxen erkämpfte Richard Nowakowski im Leichtgewicht Bronze. Im olympischen Volleyball-Turnier der Frauen sorgte die DDR-Auswahl mit Siegen über Peru und Kuba für Überraschungen und erreichte das Finale gegen die UdSSR, das nach großem Kampf zwar mit 1:3 verloren wurde, aber bis zum heutigen Tag die einzige deutsche Olympia-Medaille im Frauen-Volleyballsport bedeutet.

 

In der DDR-Auswahl standen mit Karla Roffeis, Anke Westendorf, Martina Schmidt und Andrea Heim auch vier Spielerinnen des damaligen SC Traktor Schwerin sowie mit Heike Lehmann eine gebürtige Neustrelitzerin. Gerd Wessig (SC Traktor) gewann außerdem den Hochsprung mit Weltrekord – 2,36 Meter. Doch nicht nur Schwerinerinnen und Schweriner sorgten für Höhepunkte in Moskau:

 

Im Zehnkampf avancierte der Brite Daley Thompson zum „König der Athleten“. Die gebürtige Wismarerin Marita Koch gewann die 400 Meter. Die männlichen Sprint-Distanzen wurden eine Angelegenheit des Italieners Pietro Mennea und des Schotten Allan Wells. Weltrekordler Mennea wurde Erster über 200 Meter, Wells kam zu Gold über 100 Meter.

 

Spannende Duelle

 

Hauchdünn siegte Ljudmilla Kondratjewa aus der UdSSR über 100 Meter in 11,06 Sekunden vor Marlies Göhr in 11,07 Sekunden. Bärbel Wöckel sprintete über 200 Meter auf Rang eins. Miruts Yifter aus Äthiopien trat in Moskau die Nachfolge des Finnen Lasse Viren an und belegte sowohl über die 5000 Meter als auch über die 10000 Meter Platz eins. Sebastian Coe und Steve Ovett lieferten sich auf den Mittelstrecken einen „Showdown“: Coe siegte über 1500 Meter, Ovett über 800 Meter. Den Hochsprung gewann „Bella Italia“, Sara Simeoni. Im Dreisprung verhinderte der Este Jaak Uudmäe den vierten Olympiasieg des Georgiers Viktor Sanejew in Folge. Marita Koch vom SC Empor Rostock lief über 400 Meter allen davon, auch Dauer-Konkurrentin Jarmila Kratochvilova (CSSR), und wurde zudem mit der 4 x 400 Meter-Staffel der DDR Zweite (hinter der UdSSR).

 

Teofilo Stevenson mit drittem Box-Gold

 

Indien sicherte sich den achten Olympiasieg im Feldhockey; Simbabwe triumphierte bei der Olympia-Premiere des Frauen-Feldhockeys. Im Herren-Turnen und im Ringen war die Sowjetunion eine Macht, im Rudern die DDR. Die Kubaner stellten die beste Boxstaffel, wobei Teofilo Stevenson sein drittes Gold erkämpfte. Neben Richard Nowakowski (Bronze/Leichtgewicht) nahm für den SC Traktor Schwerin auch Dietmar Schwarz, der in Warin geboren wurde, am olympischen Box-Turnier 1980 teil.

 

Nadia Comaneci wieder klasse

 

Die beste Turnerin 1980 war erneut die Rumänin Nadia Comaneci, die nach dreimal Gold und je einmal Silber sowie Bronze in Montreal 1976, zweimal Gold bzw. zweimal Silber in Moskau 1980 gewann. Turnsportliche Mehrkampf-Olympiasiegerin wurde 1980 jedoch Jelena Dawydowa (UdSSR). DDR-Turnerin Maxi Gnauck (SC Dynamo Berlin) schaffte hingegen Gold am Stufenbarren, dazu noch eine Silber- und zwei Bronze-Medaillen.

 

DDR im Schwimmbecken bei den Frauen klar vorn

 

Im Schwimmbecken sorgten die DDR-Schwimmerinnen, um die bereits erwähnte gebürtige Schwerinerin Andrea Pollack und die für Rostock startende Caren Metschuck (3 x Gold, 1 x Silber), die ihre Wiege in Greifswald hatte, für Rekorde bzw. Gold – und Michelle Ford für einen australischen Triumph über 800 Meter-Freistil. Die ebenfalls auf Usedom bei den Großeltern aufgewachsene Rica Reinisch (SC Einheit Dresden) kam im Moskauer Schwimmbecken 1980 ebenfalls zu dreimal Gold. Wladimir Salnikow schaffte über 1500 Meter-Freistil glänzende 14:58,27 Minuten. Der gebürtige Rostocker Nils Pfütze errang mit der 4 x 200 Meter Freistil-Staffel der DDR die Silbermedaille, hinter der UdSSR und vor Brasilien, Schweden und Italien. Und die gebürtige Rostockerin Sarina Hülsenbeck schaffte mit der 4 x 100 Meter-Freistil-Staffel und auch mit der 4 x 100 Meter Lagen-Staffel (Einsatz im Vorlauf) der DDR sogar jeweils Gold.

 

Gold für reitsportliche Amazon

 

Eine Amazone mit einem Pferd gewann nicht nur Gold, sondern die Sympathien der Sportfans auf aller Welt. Die Dressur-Europameisterin 1979 Elisabeth Theurer aus Österreich nahm trotz des Boykotts des eigenen Fachsportverbandes an den olympischen Reiterspielen 1980 teil, wurde in der eigenen Heimat angefeindet (später aber „rehabilitiert“) und gewann auf „Mon Cherie“.

 

Juri Kowschow, der Zweitplatzierte, zollte der Österreicherin Respekt und überreichte ihr bei der Siegerehrung eine rote Rose. Den Team-Wettbewerb in der Dressur entschied die UdSSR, bereits 1972 in München Olympiasieger für sich (wie auch die Team-Entscheidungen in der Military und im Springreiten). Die anderen Einzel-Wettbewerbe im Reitsport waren „eine Angelegenheit“ für Italien (Gold für Federico Roman in der Military) und für Polen (Gold für Jan Kowalczyk im Springreiten).

 

Radsport-Erfolg für die Eidgenossen

 

Auch die Schweiz konnte in Moskau jubeln: Rad-Ass Robert Dill-Bundi siegte in der 4000 Meter-Einzelverfolgung vor Alain Bondue (Frankreich), Hans-Henrik Oersted (Dänemark) sowie Harald Wolf (DDR) und bedankte sich bei der Bahn mit einem Kuss. Im radsportlichen Medaillenspiegel`80 war auch die SU mit 3 x Gold, 1 x Silber, 2 x Bronze vor der DDR mit 2 x Gold, 2 x Silber am besten. Die Olympiasiege für die DDR-„Zweiräder“ gingen dabei an Lothar Thoms (1000 Meter-Zeitfahren) und Lutz Heßlich (Sprint). Der Russe Sergej Suchorutschenkow erkämpfte hingegen Gold im Straßen-Einzel.

 

Zwischen Segeln, Schwimmbecken und Fechten

 

Mal nicht im Fußball, dafür jedoch im Segeln, waren die Brasilianer am erfolgreichsten. Bei den olympischen Regatten 1980 vor Tallinn holten sie zweimal Gold. In der 470er Klasse belegten aus M-V-Blickwinkel die Rostocker Jörn Borowski/Egbert Swensson den zweiten Platz. Wolfgang Haase/Wolfgang Wenzel (SC Empor Rostock) gelang dazu der vierte Rang bei den Flying Dutchman. Der gebürtige Rostocker Dieter Below erreichte in der Soling-Klasse ebenfalls den vierten Platz.

 

Im Modernen Fünfkampf wurde der Russe Anatoli Starostin zweifacher Olympiasieger. Im Mannschaftswettbewerb kamen die traditionell starken Ungarn und Schweden zu Silber und Bronze. Eine Litauerin durchbrach wie die Australierin Michelle Ford über die 800 Meter-Freistil die DDR-Siegerinnen-Serie im Schwimmen. Lina Kaciusyte triumphierte indes über 200 Meter-Brust.

 

Im Fechten machten die Französinnen und Franzosen mit 4 x Gold den „vier Musketieren“ alle Ehre. Der gebürtige Rostocker Gerd May erreichte bei den spannenden Moskauer Fecht-Entscheidungen im Team-Wettbewerb bei den Säbel-Fechtern mit der DDR-Auswahl Rang sechs.

 

Der Florett-Fechter Hartmuth Behrens, in Dömitz-Rüterberg geboren, schaffte im Florett-Fechten bei den Spielen 1980 in Moskau auch gute Platzierungen, so Rang vier mit der DDR-Mannschaft und Rang neun im Einzel.

 

Im Judo war Frankreich – zusammen mit der UdSSR (je 2 x Gold) – ebenfalls die dominierende Nation.

 

Im Bogenschießen und Sportschießen wurden jeweils die Starterinnen und Starter aus der UdSSR reichlich mit Gold und Medaillen belohnt. Für die DDR gab es im Sportschießen 5 x Silber, 1 x Bronze. Uwe Potteck aus Wittenberge (das bis 1990 zum Bezirk Schwerin gehörte) wurde nach seinem Olympiasieg 1976 mit der Freien Pistole nun, 1980, Sechzehnter.

 

Ruder-Erfolge für M-V

 

Auch im Rudern gab es viel Edelmetall zu vergeben… Pertti Karppinen aus Finnland siegte wie schon 1976 im Ruder-Einer – 1984 sollte es das dritte Gold geben. Im Rudern erkämpften ebenfalls der gebürtige Greifswalder Joachim Dreifke (ASK Vorwärts Rostock, heute Trainer bei der Schweriner Rudergesellschaft von 1874/1875) mit Klaus Kröppelien (gebürtiger Rostocker/ASK Vorwärts Rostock) Gold im Doppelzweier.

 

Ulrich Kons (gebürtiger Greifswalder/ASK Vorwärts Rostock) sowie Ulrich Karnatz (gebürtiger Rostocker/ASK Vorwärts Rostock) gelang „das Gleiche“ im DDR-Herren-Achter. Das dritte Ruder-Gold nach 1972 (Zweier ohne) und 1976 (Vierer ohne) erkämpfte der gebürtige Rostocker Siegfried Brietzke erneut, wie schon in Montreal, im Vierer ohne. Olympia-Silber konnten im Ruder-Boot zudem auch Cornelia Linse, die gebürtige Greifswalderin, und Heidi Westphal, die in Gnoien geboren wurde, im Doppelzweier der Frauen erringen.

 

Und über Ruder-Gold freute sich nicht zuletzt Ramona Kapheim aus der vorpommerscher Stadt Strasburg, die im Vierer mit der DDR erfolgreich war.

 

Von der Turn-Matte zum Handball-Parkett

 

Im Turnen gab es ebenfalls Edelmetall „für M-V“, denn die Eltern von Lutz Hoffmann (SC Dynamo Berlin), der im Mannschafts-Mehrkampf der Herren Silber mit der DDR-Riege erkämpfte, stammten aus Neustrelitz. Sein Bruder, Ulf, der sogar direkt in Neustrelitz geboren wurde, wurde acht Jahre später – in Seoul 1988 – Zweiter im Team-Mehrkampf mit der DDR.

 

Im Gewichtheben gingen alle Medaillen an die Länder des „Ostblocks“. Jürgen Heuser, der gebürtige Barther und Mitglied der BSG Motor Stralsund, schaffte dabei Silber im Superschwergewicht. Harald Heinke, der späterer Schweriner Berufsschullehrer, belegte hingegen im Halbmittelgewicht der olympischen Judo-Wettbewerbe einen hervorragenden dritten Platz. Im Ringen (Freistil) nahmen aus M-V-Sicht der Rostocker Reinhold („Otto“) Steingräber im Weltergewicht, Armin Weier aus Vorbein bei Loitz im Mittelgewicht und Roland Gehrke aus Woldegk im Superschwergewicht (Platz vier) teil.

 

(Hand-)Ballsportliche Akzente

 

Im Herren-Basketball-Finale trafen Jugoslawien und Italien aufeinander, wobei Jugoslawien gewann. Dramatik pur gab es im Finale des Handballspieles zwischen der DDR, mit den Rostockern Frank-Michael Wahl und Hans-Georg Jaunich, und der Sowjetunion. Mit 23:22 nach Verlängerung siegten die Ostdeutschen. Die Olympia-Teilnahme des Weltklasse-Spielers Wolfgang Böhme vom SC Empor Rostock verhinderten DDR-Apparatschiki und Stasi. Im Handball-Wettbewerb bei den Frauen belegte die DDR-Auswahl immerhin Platz drei, wobei auch die Rostockerin Sabine Röther im Aufgebot spielte.

 

Vom Kanu zum Fußball

 

Im Kanu-Rennsport beherrschten die UdSSR und die DDR – nicht zuletzt dank der Athleten des SC Neubrandenburg Rüdiger Helm (2 x Gold, 1 x Bronze) und Bernd Olbricht (1 x Gold, 1 x Bronze) – die Szenerie. Im Kanu-Rennsport war zudem die gebürtige Wismarerin Roswitha Eberl, verheiratete Krugmann, Ersatz-Starterin. Kanusportliche Anmerkung am Rande: In Moskau erkämpfte Birgit Fischer aus Brandenburg die erste (Kajak-Einer über die 500 Meter) ihrer acht olympischen Goldmedaillen im Kanu-Rennsport. Sie nahm dabei an den Spielen 1980, 1988, 1992, 1996, 2000 und 2004 teil…

 

Das Endspiel im Fußball konnte die Tschechoslowakei mit 1:0 gegen die DDR für sich entscheiden. Im DDR-Team stand auch der gebürtige Schweriner Wolf-Rüdiger Netz und die gebürtigen Rostocker Norbert Trieloff bzw. Bernd Jakubowski.

 

Leichtathletischer Erfolgslauf und Leichtathletik-Highlights aus M-V-Sicht

 

Aber für ganz besonders unvergessene Momente sorgte Waldemar Cierpinski (SC Chemie Halle), dem es als zweitem Läufer der Welt gelang – nach Abebe Bikila 1960/64 – den Marathonlauf bei Olympia zweimal zu gewinnen. Bereits 1976 in Montreal war Waldemar Cierpinski die Nr.1 über die 42,195 Kilometer. Der Mann mit dem langen Atem lief sich damit ebenfalls in die Sportgeschichte.

 

Medaillen für Leichtathletinnen und Leichtathleten mit „MV-Wurzeln“ gab es vor 35 Jahren, neben Läuferin Marita Koch und Hochspringer Gerd Wessig, auch für Frank Paschek, in Bad Doberan geboren, mit Silber im Weitsprung, die ehemalige Läuferin des SC Neubrandenburg Christiane Wartenberg ebenfalls mit Silber über die 1500 Meter und die Kugelstoßerin Ilona Slupianek, die in Demmin ihre Wiege hatte, mit Gold.

 

Olympische Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit „MV-Bindungen“ in der Leichtathletik 1980 waren auch Helga Radtke (SC Empor Rostock/Weitsprung), die leider als Ersatz-Starterin ohne Einsatz blieb, und Siegfried Stark (SC Traktor Schwerin/Zehnkampf), der nach Platz sechs bei den Spielen 1976 sowie EM-Bronze 1978 dann in Moskau 1980 leider verletzungsbedingt nach dem Weitsprung aufgeben mußte, sowie der Langstreckenläufer Hansjörg Kunze (SC Empor Rostock).

 

Ja, auch Hansjörg Kunze, der heutige „PR-Mann“ bei AIDA Cruises, war schon 1980 in Moskau dabei… In der russischen Hauptstadt schied er zwar schon im Halbfinale des 5000 Meter-Laufes aus (Sieger des Finales Miruts Yifter/Äthiopien vor Sulaiman Nyambui/Tansania), wurde aber acht Jahre danach, bei den Spielen 1988 in Seoul, Dritter über die gleiche Distanz. Die zweifache Speerwurf-Olympiasiegerin 1972/1976 und in den 1960ern Absolventin der Kinder- und Jugendsportschule in Güstrow, Ruth Fuchs, war in Moskau 1980 auch noch dabei und wurde Achte (Speerwurf-Olympiasiegerin 1980: Maria Caridad Colon/Kuba).

 

Gerd Wessig und Marita Koch zu ihren Olympiasiegen 1980

 

Und wie erlebten Gerd Wessig, der gebürtige Lübzer, Jahrgang 1959 und Hochspringer vom SC Traktor Schwerin, sowie Marita Koch, die gebürtige Wismarerin, Jahrgang 1957 und 400 Meter-Läuferin, ihren olympischen Erfolg 1980?!

 

Dazu Gerd Wessig: „… Die ersten Gratulanten, noch im Stadion, waren die Teamkollegen Henry Lauterbach, der Rang vier belegte, und Jörg Freimuth, der auf Rang drei kam. Auch der Schweizer Roland Dahlhäuser, der Fünfter wurde, beglückwünschte mich unmittelbar nach dem Erfolg. Nur Jacek Wszola (1976 Hochsprung-Olympiasieger und 1980 Olympia-Zweiter) ließ sich etwas mehr Zeit: Er war der Letzte, der mir gratulierte. Aber mittlerweile sind wir gute Kumpel! Bei ihm ging es wohl schon damals um viel Geld, bei mir „nur“ um `Volk und Vaterland`. Allerdings gab es damals noch eine größere Identifikation mit dem Team, mit dem Erfolg als es heute oftmals üblich ist.

 

Zum olympischen Wettkampf 1980: Ich hatte mich Stück für Stück in den Wettkampf herein getastet, wollte unter die besten Sechs. Das war auch die offizielle Zielvorgabe und diesen leistungsmäßigen Druck hatte man dann auch schon. Das Ziel stand, wer darunter blieb, hatte versagt. Irgendwelche Ausflüchte wurden nicht akzeptiert, nach der Devise in etwa, dass die Zuschauer so laut, die Stimmung nicht gut und die Bedingung nicht optimal seien, waren verpönt. Wer die Ziele nicht erreichte, musste sich auch wieder hinten anstellen. Auch große Namen galten nichts. Das mußten seinerzeit Rosemarie Ackermann (Hochsprung), Wolfgang Schmidt (Diskuswerfen) oder Udo Beyer (Kugelstoßen) erfahren.

 

Aber ich blieb in der Zielvorgabe. Als feststand, dass ich sicher auf Rang sechs lag, war ich erst einmal erleichtert. 2,24 Meter, die Konkurrenz war nicht weg und die Höhe war für mich nur eine Durchgangsleistung, für mich keine Hürde. Und ich merkte Höhe um Höhe, eine Medaille könnte durchaus drin sein, zumal die Mannschaftskameraden Henry Lauterbach und Jörg Freimuth noch immer dabei waren.

 

Und ich dachte mir: Die hatten doch die ganze Saison gegen dich nichts zu bestellen gehabt und jetzt wollen sie dich schlagen?! Das geht schon einmal gar nicht… Dann war ich schon unter den besten Vier und auch Jörg Freimuth war auch noch dabei. Ich wusste nun, eine Medaille ist in Reichweite. Dann plötzlich, bei der Höhe von 2,33 Meter, als die anderen rissen, war ich nicht mehr Dritter, sondern Erster – und ich schaffte sogar noch die 2,36 Meter. In diesem Moment war ich wohl der glücklichste Mensch auf der Welt!“ (Aus einem Interview mit dem Autor im Februar 2009)

 

Und auch Marita Koch hat natürlich beste Erinnerungen an ihren Olympiasieg in Moskau: „Olympia ist etwas Einzigartiges, Unbeschreibliches. Jeder Sportler träumt von olympischem Gold, und für die meisten Athleten ist eine olympische Teilnahme die Erfüllung ihres sportlichen Lebens. Olympia findet zudem nur alle vier Jahre statt, daher ist es notwendig auf die Minute topfit zu sein. Nachdem mir verletzungsbedingt eine Olympiamedaille 1976 versagt blieb, wollte ich es in Moskau wissen, was mir gelang… 24 Stunden nach meinem Sieg in Moskau bekam ich übrigens plötzlich hohes Fieber und es folgte eine Angina! Da wurde mir bewusst, wie zerbrechlich der Mensch ist, wie günstige Zufälle einen Erfolg beeinflussen können und wie einmalig Olympia ist…“ (Aus einem Interview mit dem Autor 2007)

 

„Sonstiges“ zu 1980

 

Erfolgreichster Athlet der Spiele 1980 wurde der Turner Alexander Ditjatin mit 3 x Gold, 4 x Silber und 1 x Bronze. Die gebürtige Greifswalderin Caren Metschuck, die für den SC Empor Rostock startete, war in Moskau die erfolgreichste Sportlerin mit 3 x Gold und 1 x Silber.

 

Die Vereine in Mecklenburg und Vorpommern hatten in Moskau 1980 33 Athletinnen und Athleten vor Ort. Der SC Empor Rostock stellte achtzehn Sportlerinnen/Sportler, der ASK Vorwärts Rostock vier Sportler, der SC Neubrandenburg zwei Sportler, der SC Traktor Schwerin acht Sportlerinnen/Sportler und die BSG Motor Stralsund einen Sportler.

 

Der Westblock veranstaltete damals sportliche Alternativ-Wettkämpfe, wie die „Liberty Bell Classic“ in der Leichtathletik in Philadelphia, ähnlich wie vier Jahre später der Ostblock mit seinen „Wettkämpfen der Freundschaft“. Nonsens blieben beide „Boykott-Maßnahmen“…

 

Insgesamt betrachtet gab es eine Menge sportlicher Highlights in Moskau 1980. Aber: Der politische und auch wirtschaftliche Missbrauch der Spiele setzte sich weiter fort und hält bis heute, sogar intensiviert, an… Wie lange hat Olympia da überhaupt noch eine Chance?!

 

Peking 2022 werden sicherlich nur zwiespältige Spiele bieten - was längst nicht alleinige "Schuld" der chinesischen Gastgeber sein wird!

 

M.Michels

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